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Im Toggenburg sind die vertikalen Höhlen in der Überzahl.
Zu deren Erforschung wurden damals 300 Meter Drahtseilleitern und
zwei Seilwinden für die Sicherung im Eigenbau hergestellt –
eine wahre Materialschlacht!
Die
Köbelishöhle mit ihrem 160 Meter tiefen Eingangsschacht
und einer Gesamttiefe von 340 Metern war das letzte Forschungsobjekt
der damaligen Gruppe, bevor sie sich auflöste und die Höhlenforschung
im Toggenburg in einen Dornröschenschlaf versank.
In
den Kühlschränken der Unterwelt
Ende
der
siebziger Jahre machte sich eine neue Generation an die Erforschung
der Unterwelt. Von den Erzählungen der alten Garde in den Bann
gezogen, suchten sie emsig nach dem «Höllloch»
der Churfirsten.
Auch
die Faszination Köbelishöhle mit ihren beeindruckenden
Schächten ging nicht verloren. Ausgerüstet
mit einer neuen Technik zur Höhlenbefahrung, gelang es ihnen
bis zu einer Tiefe von 550 Metern vorzudringen. Das machte die Köbelishöhle
damals zu einer der tiefsten Höhlen der Schweiz.
Nebst
verschiedenen Horizontal- und Vertikalhöhlen fanden die Forscher
in den achtziger Jahren den Sibirschacht am Fusse des Zuestolls.
Dieser
wurde nach den gleichnamigen Kühlschränken benannt, da
es sich um äusserst frostige Touren handelte. Bevor sein Endpunkt
bis minus 330 Meter gefunden werden konnte, musste der Eingang mittels
eines Statikers, einiger Eisenträger, eines starken Volvos
und vieler tatkräftiger Helfer abgesichert werden – es
lauerte die Gefahr eines Verschlusses durch Schnee und Eis, der
jahrelang die weitere Erforschung verunmöglicht hätte.
Dies
war die letzte «grosse Tat» der Gruppe, bevor sich ihre
Mitglieder in alle Winde zerstreuten und die Donnerlöcher der
Churfirsten erneut vor sich hinschlummerten.
Erst
anfang der neunziger Jahren sollten sie wieder belebt werden. Eine
Gruppe der OGH, aus der im Jahr 2000 die Toggenburger Gesellschaft
für Höhlenforschung TGH hervor ging, teilte das ganze
Gebiet in Zonen und Sektoren ein, um eine systematische Erforschung
zu ermöglichen.
Nebst
vielen neuen Höhlen werden auch die altbekannten nachvermessen,
um den modernen Standards der Höhlenforschung gerecht zu werden,
unter anderem einer genaueren Messmethodik und der Oberflächenvermessungen
mittels GPS. Gleichzeitig ist es möglich, sämtliche Daten
digital zu erfassen, zu verarbeiten und zu archivieren.
Der
Lebenszyklus einer Höhle
Eine
Höhle entsteht in einem langen Prozess, der an bestimmte Voraussetzungen
geknüpft ist. In fast jedem Gestein können Höhlen
entstehen, allerdings bedingen ausgedehnte Gangnetze unterirdische
Wasserwege und «lösliches» Gestein. Karbonat-Gestein
wie Kalk und Dolomit sind verkarstungsfähig, sie sind durch
Wasser löslich. Die vorhandenen Ritzen und Fugen im Gestein
werden erweitert, bis schliesslich eine Höhle entsteht. Ein
Prozess, der Jahrtausende, ja hunderttausende von Jahren dauert.
In
den Churfirsten finden wir mächtige Kalkschichten. Dazwischen
aber auch undurchlässige Gesteine, auf denen sich das unterirdische
Wasser sammelt. Durch die Alpenfaltung sind diese Schichten vielfach
zerbrochen, verschoben und gequetscht. Es entstehen Verwerfungen,
Brüche und Kluftfugen, die dem Wasser Angriffsflächen
bieten. So sind zum Beispiel die Donnerlöcher entlang derartiger
Klüfte entstanden.
Auch
Höhlen haben einen Lebenszyklus. Bis sie entstanden sind, vergeht
eine lange Zeit. Danach folgt eine Periode, in der sie als Wasserwege
aktiv sind. Irgendwann findet das Wasser einen noch tieferen Abflussweg,
und so geschieht es, dass vorher von Wasser bearbeitete Gänge
trocken fallen und fossil werden.
Zu
einem späteren Zeitpunkt wird die Höhle durch Einsturz
zerstört, oder die darüberliegende Oberfläche wird
– etwa durch Gletscher und Erosion – abgetragen. In
den Höhlen der Churfirsten treten all diese «Lebenszyklen»
einer Höhle auf.
Die
Churfirsten sind sehr niederschlagsreich, trotzdem gibt es fast
keine ständig fliessenden Oberflächenbäche. Tief
unter der Oberfläche sammeln sich gewaltige Wassermassen. Bis
jetzt ist es noch niemandem gelungen, in diese Bereiche vorzustossen,
um zu berichten, wie es dort unten aussieht. Es bleibt die Frage:
Was geschieht mit dem Wasser?
Wasser
für den Walensee
In
den Jahren 1991 bis 1993 fand ein Projekt mit dem Namen «Tracerhydrologische
Untersuchung der Churfirsten-Alvierkette» statt. Aufgrund
guter Erfahrungen mit einem gleichen Projekt im Alpstein einige
Jahre zuvor, und da wir den Untergrund dieser Gegend erforscht hatten,
wurden wir Höhlenforscher gleich zu Beginn der Arbeiten mit
einbezogen.
Am
Ende einer Schneeschmelze schütteten wir gleichzeitig einen
hochkonzentrierten, harmlosen Farbstoff in die uns bekannten Höhlenbäche.
Aus sämtlichen möglichen Wasserausflüssen wurden
während längerer Zeit Wasserproben entnommen und nach
dem Farbstoff untersucht. Es stellte sich heraus, dass das gesamte
in den Churfirsten verschwindende Wasser in den Walensee abfliesst,
ebenso ein Teil des Thurwassers, welches bei Starkenbach versickert.
Das
sich in immer grösseren Gängen sammelnde Wasser gelangt
durch mehrere Öffnungen, die sich 25 bis 36 Meter unter dem
Seespiegel befinden, in den Walensee. Die Rinquelle bei Betlis bildet
dabei den natürlichen Überlauf dieses Systems.
Bei
Schneeschmelze oder grossen Niederschlagsmengen ergiesst sich ein
gigantischer Wasserfall aus dem Berg. Bei Winterkälte und längeren
regenfreien Perioden fällt sie trocken und bietet Tauchern
Gelegenheit, die grösstenteils wassergefüllten Gänge
zu erkunden.
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